Authentizität vs. Stimmigkeit

2. Februar 2010 § 2 Kommentare

In meinem letzten Artikel betonte ich das Thema der Wirkung von Weiterbildungsmaßnahmen.

Hierzu ein Erlebnis: Gemeinsam mit meiner Kollegin Anna Hang gebe ich regelmäßig interkulturelle Trainings zu Ungarn. Es sind schöne Veranstaltungen mit begeisterten TeilnehmerInnen.

Eine Frage die jedoch in den meisten interkulturellen Trainings auftaucht wenn die TeilnehmerInnen anfangen zu realisieren wie unterschiedlich Menschen sind, ist die: „Ist ja alles sehr interessant. Aber soll ich in Zukunft anders handeln? Muss ich jetzt etwas anders machen?“ Oft verknüpft mit dem Zusatz: „Dann bin ich ja nicht mehr ich selbst/ authentisch.“

Die Antwort auf diese Frage ist sehr einfach: „Selbstverständlich sollen Sie ab jetzt etwas anders machen.“ Dahinter steht unausgesprochen in Klammern: „Ihr Unternehmen hat für diese Weiterbildungsmaßnahme soundsoviel Euro ausgegeben. Glauben Sie das Ziel der Maßnahme ist, dass Sie nachher alle genau so machen wie vorher? Das wäre unsinnig.“

Zwei Anmerkungen:

  • Der Begriff  „Authentizität“ wird meiner Ansicht nach überbewertet. Es geht im Leben weniger um Authentizität als vielmehr um „Stimmigkeit“ im Gebrauch von Ruth Cohn und Fredmund Schulz von Thun. Sie haben damit ein erlösendes und faszinierendes Konzept vorgestellt.
  • Eigenartig finde ich immer wieder die Tatsache, dass die Erweiterung der Möglichkeiten des eigenen Handels von TeilnehmerInnen als Ein- bzw. Beschränkung ihrer Authentizität erleben. Ich erkläre mir das damit, dass der Wechsel aus der Komfortzone anfangs als bedrohlich und einschränkend erlebt wird.

Soviel zum Gedanken über ein Training: die TeilnehmerInnen selbst scheinen eine Wirkung abzulehnen, da sie sie als Bedrohung ihres Selbstbildes bewerten.

Was meinen Sie dazu? Haben Sie ähnliche Erfahrungen? Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Mit freundlichen Grüßen

Steffen Henkel

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§ 2 Antworten auf Authentizität vs. Stimmigkeit

  • Hans König sagt:

    Hallo Steffen,

    mit diesem Beitrag hast Du meiner Ansicht nach den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Phänomen erlebe ich häufig: eine Verbesserung der Handlungsfähigkeit wird gewünscht, die dazu notwendige Veränderung jedoch abgelehnt.

    Wenn ich mit TN (Teilnehmer) arbeite, und dieser Punkt zur Sprache kommt, denke ich mir zweierlei. Zum einen bin ich froh, daß die Gruppe oder Einzelne die Inhalte reflektieren und auf Stimmigkeit abklopfen. Ich bewerte dies als eine Art natürlichen Selbstschutz und auch als Ausdruck des Lernens auf Augenhöhe im kritischen Dialog: Nicht einfach alles zu glauben, was da vorne erzählt wird.

    Auf der anderen Seite geht bei mir jedoch ebenfalls eine Alarmglocke gleich mit an: Macht es sich da jemand gerade sehr leicht? In manchen Diskussionen gewinne ich den Eindruck, die Aussage „Dann bin ich nicht mehr authentisch“ sei auf dem besten Weg, eine ähnlich bequeme und salonfähige Floskel zu werden wie „Schön, aber dafür habe ich keine Zeit“ – also eine bequeme Art, mich zu verkrümeln, wenn ich als TN in Eigenverantwortung etwas Neues probieren soll (und dann womöglich sogar in der Praxis!). Gleichzeitig scheint diese angehende Worthülse aber als Aussage hoffähig zu sein, trifft i.d.R. auf Akzeptanz und Nicken bei weiteren TN, weil unter dem Deckmantel des kritischen Diskurses getarnt.

    Deine Erklärung anhand der Komfortzone halte ich für sehr plausibel. An dieser Stelle setze ich auch an. Oft visualisiere ich die Komfortzone mit einem Kreppband-Kreis auf dem Boden, in den ich mich bewußt hineinstelle, wenn die Diskussion sich stark in Richtung „ja, aber“ bewegt. Dies habe ich oft als sehr bereichernd erlebt, weil es eine bestimmte Haltung illustriert und dabei etwas augenzwinkerndes, wenig belehrendes hat. Auch frage ich die TN gerne, wie ihre Komfortzone kurz nach ihrer Geburt aussah. Antwort: Schreien, essen, schlafen. Im Anschluß möchte ich dann gerne wissen, wie sie von dort zu ihrer heutigen Komfortzone gekommen sind. War immer alles sofort authentisch und „echt“, was heute Teil davon ist? Wie war es, Englisch zu lernen, oder ein Musikinstrument, oder den Ehemann/ die Ehefrau zum ersten Mal anzusprechen?

    Ich denke, wer sich traut, neue Schuhe anzuziehen, merkt bald, ob sie passen. Dazu ist aber ein gewisses Einlaufen nötig.

    Dein Beitrag hat mich sehr inspiriert; ich freue mich, diese Gedanken gleich am Freitag ins Seminar zum Thema – ja genau, „Auftreten und Wirkung“ zu transportieren. Na dann.

    Herzliche Grüße
    Hans

    • wirkungen sagt:

      Hallo Hans,

      vielen Dank für Deinen freundlichen und hilfreichen Kommentar. Dass Du gleich auch noch einen Umsetzungstipp dazu gibst, freut mich sehr.

      Beim gestrigen Lesen eines Artikels kam ich noch an eine weitere Idee. Der Artikel beginnt auf Seite 10 und ist von Ralf Besser, der sich sehr mit dem Thema von Nachhaltigkeit von Trainings auseinander setzt. Der Artikel ist aus der Gabal Impulse 3 /2003 und der zweite Teil einer Reihe die in Gabal Impulse 2 / 2003 beginnt.

      Er sieht Widerstände jeweils als Hinweis, dass die TeilnehmerInnen Schwierigkeiten sehen, das Gelernte in ihren Lebens- und Arbeitskontext übertragen zu können. Es ist oberste Aufgabe einer Trainerin/ eines Trainers diese Umsetzung zu ermöglichen, ansonsten braucht man gar kein Training zu veranstalten. Er greift also nach einer durchdachten Methode – ähnlich wie Du das tust – die Widerstände auf und arbeitet mit ihnen daran, Methoden zu entwickeln die Übertragbarkeit zu gewährleisten.

      Ich bin sehr begeistert von dieser Sicht auf die Dinge, die quasi nebenbei Trainings ins rechte Licht rückt: Mittel zum Zweck eine Wirkung zu erzielen.

      Viel Spaß und Inspiration beim Lesen der Artikel wünscht

      Steffen Henkel

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