Unbedingt wissen! – Abu Dhabi I/IV

18. August 2010 § 9 Kommentare

Seit kurzem stelle ich eine Blogparade zusammen, in der ich Autorinnen und Autoren zu gewinnen versuche, die Antwort auf die Frage geben „Wann ist eine interkulturelle Auslandsvorbereitung erfolgreich?“

Im Zuge der Autorensuche kam ich an einige Expatriates, die ohne interkulturelles Training in unterschiedlichsten Ländern leben und arbeiten.

Mit einigen bin ich folgender interessanten Frage nachgegangen: „Welche Informationen hätten Sie sich vor Ihrem Auslandsaufenthalt gewünscht? Was hätte es Ihnen in Ihrem Zielland erleichtert?“

Nun möchte ich mit dem ersten Artikel beginnen. Dankbar bin ich dem Gastautor Jürgen Ölschlegel, der als Architekt gemeinsam mit einem Teil seiner Familie in Abu Dhabi lebt. Der Artikel wird in den kommenden Tagen in vier Teilen erscheinen.

„Wenn Sie hier in Abu Dhabi in die Bank gehen, und der Dame hinter dem Schreibtisch die Hand zur Begrüßung reichen, hat sich Ihr Kreditantrag schon erledigt!“

Mit diesem Satz wies mich ein erfahrener Kollege an meinem zweiten Arbeitstag im Mittleren Osten auf ein heikles Thema hin, auf das ich ganz sicher nicht hinreichend vorbereitet war.

Höfliche und belanglose Geste hier, kapitale Beleidigung dort. Tatsächlich gilt es hierzulande als äußerst unschicklich, einer einheimischen Dame zur Begrüßung die Hand zu reichen.

Und der Fettnäpfchen sind viele. Als Mitteleuropäer mit einigermaßen kultivierten Umgangsformen, manchmal gerade wegen dieser, bewegt man sich im Orient häufig, ohne es zu wissen am Abgrund der Peinlichkeit. Wer ist schon darauf vorbereitet, auf die schlichte Frage nach dem Wohlbefinden von Gattin und Familie, von seinem arabischen Geschäftspartner statt einer Antwort nur einen befremdeten Gesichtsausdruck zu ernten?

Andererseits soll man gefasst bleiben, wenn jener Herr nach dem Essen völlig ungeniert mit dem Zahnstocher im offenen Gebiss bohrt. In seinem nur, Alhamdulillah – Gottseidank.

Wer ist auf so etwas vorbereitet? So vorbereitet, dass er das manchmal seltsame Verhalten des Gegenübers als ortsüblich und angemessen, also als normal akzeptiert, und dabei selbst in Kenntnis der lokalen Gepflogenheiten jeden Affront zu vermeiden weiß?

Ich hatte mich vor Antritt meines, voraussichtlich einige Jahre dauernden, Aufenthaltshaltes in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit Literatur versorgt. Nicht nur die üblichen Reise- und Sprachführer. Auch allerhand über örtliche Sitten und Gebräuche, und vor allem über die Dinge, die, zu tun man vermeiden sollte. Damit wären die Fettnäpfchen gebannt, hatte ich mir gedacht.

Natürlich war dem nicht so. Der Reflex sitzt viel zu tief verwurzelt. Und prompt hielt ich, höflich wie ich nun mal bin, der Lady in der Bank die Hand hin, bis sie zurückzuckte, die Hand.

Meinen Kredit habe ich trotzdem bekommen. Ob meine eilig vorgebrachte Entschuldigung für den angetragenen Handschlag dafür ausschlaggebend war, weiß ich nicht.

Ich stelle fest, dass ich mich auch nach 26 Monaten Aufenthalt in diesem Land als Gast betrachte.   Ich bin kein Besucher, kein Tourist, denn mein Lebensmittelpunkt liegt in Abu Dhabi, auch  die Daueraufenthaltsgenehmigung, das sog. „Residence Visa“, und der Wohnortseintrag in meinem Pass bestätigen dies.

Gleichwohl betrachte ich diese Stadt, dieses Land, nicht als meine Heimat. Dafür ist es meiner Heimat zu unähnlich und zu exotisch. Aber ich bin gerne hier zu Gast. Und als solcher genieße ich die Andersartigkeit des Klimas, der Landschaft, die Vielfältigkeit der Kulturen, die „Atmosphäre“.

Im Vielvölkerland V.A.E. ist diese Atmosphäre heterogen. Eigentlich sind es viele Atmosphären. Ein Verschmelzen findet kaum statt. Abu Dhabi ist kein „Melting Pot“. Man wird nicht Abu Dhabi-aner, wie man z.B. New Yorker werden kann. Hier begegnen sich Menschen aus aller Herren Länder, und jeder bringt etwas von seiner Kultur mit – und versucht es zu bewahren. Das ist leichter, wenn man unter seinesgleichen bleibt.

Zu dieser „Sortierung“ trägt der, mehr oder weniger, festgeschriebene Status der einzelnen Bevölkerungsgruppen bei. Im Berufsleben fallen diese Barrieren häufig, im Privatleben nur selten:

Die indischen Jungs, sicher allesamt Arbeitskräfte auf den unteren Stufen der hiesigen Gesellschaftspyramide, denen ich bei ihrem samstäglichen Cricketspiel auf dem Parkplatz der Stadtverwaltung zusah, hätten von sich aus nicht im Traum gewagt, mich anzusprechen, wenn ich sie nicht mit Fragen zu Ihrem Spiel belästigt hätte.

Oder meine kurze Bekanntschaft mit einigen Emiratis: Wir hatten uns als Arbeitsgruppe während einer Fortbildungsveranstaltung zufällig zusammengefunden. Der Kontakt zu Ihnen versickerte nach Abschluss der gemeinsam gelösten Aufgabe überraschend schnell im Sand. Sie blieben lieber unter sich.

Autor: Jürgen Ölschlegel

*1959 in Nürnberg, von Beruf Architekt, in zweiter Ehe verheiratet, 3 erwachsene Söhne.

Der Autor lebt und arbeitet seit Juni 2008 für ein örtliches Bauträgerunternehmen in Abu Dhabi. Im Oktober des gleichen Jahres ist seine Familie ebenfalls nach Abu Dhabi übergesiedelt. Seine Ehefrau übt eine Tätigkeit in der Deutschen Botschaft aus. Die Familie plant, die nächsten 4 bis 6 Jahre in Abu Dhabi zu verbringen. Inshallah!

Der Artikel ist urheberrechtlich geschützt. Die Ableitung etwaiger Ansprueche Dritter wird abgelehnt. Fuer die Richtigkeit der genannten Informationen übernimmt der Autor keinerlei Gewähr.

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§ 9 Antworten auf Unbedingt wissen! – Abu Dhabi I/IV

  • Sehr geehrter Herr Henkel,

    leider lese ich erst jetzt Ihre Frage im ersten Absatz Ihres Artikels bzgl. Expatriates. Ich denke, der Platz reicht nicht aus für eine ausführliche Antwort.

    Allerdings können Sie das Buch „Globalisierung hautnah – Expatriates im Gespräch“ von mir zum Preis von € 11,70 zzgl. € 1,45 Portokosten erwerben.

    Es ist eine Publikation der FH Mainz, in der ich einen Beitrag zum Thema Amerikaner auf Wunsch hin geleistet habe. Der Rest (außer einen Beitrag über China und Gastfreundschaft in arabischen Ländern) handelt sich um Interviews mit Deutschen, die im Ausland gearbeitet haben und inzwischen wieder in Deutschland sind.

    Ich bin (vermutlich mit Ihnen) der Meinung, dass man darauf vorbereitet werden sollte.

    Gerne höre ich von Ihnen.

    Maria Schmitz
    CABV Communication

    • Sehr geehrte Frau Schmitz,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und den Literaturhinweis. Solche Interviews finde ich sehr interessant. Sie sind wohl für alle Trainerinnen und Trainer eine sehr gute Quelle um die Inhalte ihrer Trainings auf die Teilnehmer abstimmen zu können.

      Ich selbst bin gespannt, welche Hinweise das Buch mir gibt. Nun sind meine Zielgruppe zwar Personalerinnen und Personaler, jedoch ist es nur hilfreich, beide Zielgruppen zu kennen.

      Mit freundlichen Grüßen

      Steffen Henkel

  • Michael Eggers sagt:

    Hallo Steffen,

    auch wenn man heutzutage von allen Seiten darauf hingewiesen wird welche Fettnäpfchen jemandem dort begegnen können, finde ich den Beitrag trotzdem erstaunlich.

    Man kann vielleicht genauer darauf achten, dass man Frauen nicht die Hand gibt oder nicht nach ihrem Gemütszustand fragt, aber sicher sein kann man sich seiner Sache nie.

    Ich finde die Erlebnisse von Herrn Ölschlegel sehr interessant und würde mich (als Expat für die V.A.E.) unheimlich über weitere Erfahrungen von ihm freuen.

    Viele Grüße,

    Michael

    • Hallo Michael,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Der Artikel von Herrn Ölschlegel geht schon heute weiter.

      Ich freue mich sehr, dass Herr Ölschlegel diesen Artikel geschrieben hat und uns somit Einblicke in seine Erfahrung gewähren lässt. Ich denke, die Informationen sind für zukünftige und augenblickliche Expats in den VAE ebenso interessant.

      Desweiteren findet man als Trainerin bzw. Trainer wertvolle Hinweise, was den die wichtigen Punkte für einen zukünftigen Expat sind. Ein Training bzw. eine Auslandsvorbereitung kann dementsprechend an den Bedürfnissen der Teilnehmer ausgerichtet werden.

      Es folgen noch einige Artikel die die Frage beantworten sollen: „Welche Informationen hätten Sie sich vor ihrer Auslandsentsendung gewünscht, wenn Sie ein interkulturelles Training gemacht hätten.“

      Viele Grüße

      Steffen

  • […] erscheint Teil 2 von 4 des Artikels von Herrn Ölschlegel (Teil 1). Herzlich bedanken möchte ich mich bei dem Gastautor, der als Architekt gemeinsam mit einem Teil […]

  • […] erscheint Teil 3 von 4 eines Artikels von Herrn Ölschlegel (Teil 1, Teil 2). Herzlich bedanken möchte ich mich bei dem Gastautor, der als Architekt gemeinsam mit […]

  • […] erscheint Teil 4 von 4 eines Artikels von Herrn Ölschlegel (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Herzlich bedanken möchte ich mich bei dem Gastautor, der als Architekt gemeinsam […]

  • Schönen guten Tag vom Ammersee,

    einer arabischen Frau unaufgefordert die Hand reichen — immer wieder ein Klassiker, der zu sehr unangenehmen Situationen führen kann.

    Als interkultureller Trainer für die Arabische Welt ist es für mich selbstverständlich, die Teilnehmer gerade für solche praktischen Themen im täglichen Umgang zu sensibilisieren. Die Übung mache ich immer — und ich bin mir sicher, den Fehler hat danach keiner meiner Teilnehmer mehr unbewusst gemacht.

    Dass man trotz der Vorbereitung durch ein Training (das meiner Ansicht nach NICHT durch ein Studium der einschlägigen Literatur ersetzt, sondern nur ergänzt werden kann) vor unbewusstem nicht gefeit ist, weiß ich aus eigener Erfahrung: Frisch zurück aus Argentinien habe ich es schon geschafft, mich bei der Verabschiedung meiner arabischen Geschäftspartnerin zu ihr vorzubeugen, um ihr zwei Küsschen auf die Wange zu geben — in aller Öffentlichkeit….. DAS war nun wirklich ein Fettnäpfchen par Excellence — und das prägt…:-)

    Danke an Herrn Ölschlegel für die tollen interkulturellen Berichte aus dem Emirat „Vater der Gazelle“!

    Andreas Hauser
    Interkultureller Management-Trainer Arabische Welt

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