Wann ist ein Training erfolgreich? II/IV

30. August 2010 § 5 Kommentare

Blogparade Teil 2: Wann ist eine interkulturelle Auslandsvorbereitung erfolgreich?

Mich interessierten unterschiedliche Sichtweisen von TeilnehmerInnen, TrainerInnen, begleitende PartnerInnen, PersonalerInnen, Vorgesetzte, KollegInnen und Anbietern.

Heute lesen wir von der Sicht einer begleitenden Ehefrau, die selbst kein interkulturelles Training besucht hat: Regine Albrecht lebt in den USA und ist mit ihrem Mann entsandt worden. Sie stellt die Frage, ob es ein interkulturelles Training überhaupt braucht – und kommt zu einem interessanten Ergebnis.

Regine Albrecht

Regine Albrecht

Ich bin Regine Albrecht und vor 13 Jahren mit meinem Mann in die USA gezogen. Der Grund: eine vierjährige Auslandsentsendung. Und hier sollte ich jetzt kurz einfügen, dass ich im Gegensatz zu vielen Deutschen vorher noch nie, also auch nicht auf Urlaub, in den USA war. Mein erster Gedanke war: Was eine geniale Chance, was ein tolles Abenteuer…. Ich verbringe nicht nur einen Urlaub in einem tollen Land, nein, ich werde sogar dort leben. Alles fing mit einer total positiven Einstellung und viel Vorfreude an. Natürlich würde es Probleme geben (das weiß doch jeder), aber, hey, mit denen werde ich schon fertig. Das wäre doch gelacht.

Die Realität war dann allerdings etwas anders. Den ersten Schock bekam ich auf unserem sogenannten Look-and-See-Trip. Laut dem Chef meines Mannes total überflüssig, da dort = USA sowieso alles so ist wie hier = Deutschland. Zurück zu meinem ersten Schock. Miethäuser und Mietwohnung hatten einen ganz anderen Standard als in Deutschland. Völlig unvorbereitet auf diese Tatsache hatte ich nach wenigen Stunden den Punkt erreicht, an dem ich mir ernsthaft die Frage stellte, warum ziehen wir um? In ein Land, in dem es keine sauberen und intakten Häuser gibt? Doch das war ein glücklicherweise nur temporäres Problem und wir lösten es mit Geduld.

Etwas schwieriger war dann der erste ernsthafte Kontakt mit Amerikanern, telefonisch Gas, Wasser, Elektrizität, Telefon etc. anzumelden. Das war eine echte Herausforderung da Amerikaner nicht verstehen, dass jemand der ganz offensichtlich gut Englisch spricht, sie nicht versteht. Der Grund: das gesamte System funktioniert ganz anders. Ein Telefon anmelden heißt nicht, ich kann dann weltweit telefonieren, nein, ich muss mein Telefonnummer auch noch bei einem long-distance carrier und einen international carrier anmelden. Ansonsten klappt es nämlich mit den Anrufen bei den Lieben in der fernen Heimat nicht. Aber das muss man erst mal wissen….

Auch was das Einkaufen von Lebensmittel angeht war ich anfänglich total überfordert. Die Supermärkte sind riesig, die Regale vollgestopft mit Produkten, die ich damals nicht kannte und die Auswahl ist so groß, das ein „Wocheneinkauf“, der sonst in 45 Minuten erledigt war sich jetzt auf 2-3 Stunden ausdehnte (zum Leidwesen meines Sohnes).

Wirklich schwierig wurde es aber erst nachdem die ersten Wochen vorbei waren. Ich hatte meinen Beruf für dieses Abenteuer aufgegeben und musste jetzt die Zeit anderweitig füllen. Klingt eher wie ein Traum als ein Fluch – aber ohne soziale Kontakte ist das gar nicht so einfach. Dazu kamen dann etwa gleichzeitig die ersten Frusterlebnisse im Kontakt mit Amerikanern. In Gesprächen entstand plötzlich betretenes Schweigen – hätte ich nur gewusst oder verstanden warum – ich hatte doch nichts „falsch“ gemacht. Mal schnell bei einer Freundin an die Tür klopfen und auf einen Schwatz hereinschauen endet in einem totalen Fiasko – vorher anrufen war angesagt. Schwimmen im YMCA endet in einer Flucht aus dem gemeinsamen Mädchenumkleideraum, da andere Mütter an meinem Sohn Anstoß nahmen – und das obwohl ich vorher gefragt hatte.

Was hat das jetzt alles mit Interkulturellem Training zu tun? Die Frage ist schnell beantwortet: Hätte ich jemals die Gelegenheit bekommen, ein solches Training mitzumachen, ich hätte die unterschiedlichen Phasen (Hochs wie Tiefs) eines Umzuges gekannt, die ein Expat durchläuft. Eine „falsch-richtig Mentalität“ hätte eher der Mentalität „warum“ Platz gemacht. Ich hätte gelernt oder gewusst, dass ich in meinem bisherigen Leben eine Sicht der Dinge gewonnen hatte, die mir durch meine Erziehung und mein Aufwachsen in Deutschland mitgegeben wurde. Das diese „Sicht der Dinge“ unter anderen kulturellen Umständen sehr leicht zu Missverständnissen führt …das habe ich anfangs nicht wirklich berücksichtige.

Alles erschien doch so wie in Deutschland… und außerdem war ich viel zu sehr damit beschäftigt, mich einzufügen, die Sprache zu verstehen, mich zurechtzufinden und ein neues Leben aufzubauen. So wie die deutsche Kultur hat sich auch die amerikanische Kultur aus der Geschichte entwickelt. Wenn man die Wurzeln nicht kennt und versteht, stößt man leicht auf Unverständnis oder gerät in unangenehme Situationen und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten kann auf einmal recht beengend wirken.

Wenn ich also aussuchen könnte, wann und welche Themen ich gerne in meinem ganz persönlichen Interkulturellen Training gehabt hätte, dann würde die Antwort etwa folgendermaßen aussehen:

Vor der Abreise Themen wie:

  • Welche Phasen durchläuft ein Expat im ersten Jahr
  • Vorbereitung auf eine neue Lebensweise (z.B. berufstätig vs. nicht berufstätig)
  • Unterschiede zum deutschen Schulsystem (Mithilfe gewünscht – Mithilfe nicht gewünscht)
  • Kurze geschichtliche und kulturelle Einführung
  • Sensitive Gesprächsthemen/ Gesten
  • Internationale Organisationen/ Expatkontakte

Etwa 3-6 Monate nach der Ankunft im Entsendungsland:

  • Vertiefung der Geschichte des Gastlandes
  • Entwicklung der Kultur (Glaube, Traditionen, Kommunikation, Kontakte)
  • Besprechen „unbehaglicher“ oder „unverständlicher“ Situationen oder Erlebnisse
  • Internationale Organisationen/ Expatkontakte

Am besten fände ich eine „Helpline“, die mir für mehrere Monate zur Verfügung stünde. Jemand, der anstehende Themen zeitnah mit mir bespricht und erklären kann. Scheibchenweise die neue Kultur erobern, besonders wenn sie der eigenen Kultur so ähnlich scheint. Darin sehe ich eher ein Risiko als ein Vorteil. Der Grund: wenn ich weiß, es erwartet mich etwas völlig anderes, dann bin ich darauf vorbereitet; alle meine Sinne versuchen dieses „Andere“ wahrzunehmen, zu ergründen. Erwarte ich etwas Gleiches, dann brauche ich nichts ergründen und ich achte nicht auf die Nuancen, die den entscheidenden Unterschied machen (können). Willkommen im Land der unbegrenzten Fettnäpfchen.

Hier geht es zum Teil III, die Antwort eines Trainers.

Autorin: Regine Albrecht

Ich, Regine, arbeite seit 10 Jahren als Expatriation Consultant in New Jersey. Nach meiner eigenen Erfahrung war es für mich eine Aufgabe, die mir wichtig war und am Herzen lag, Fragen zu beantworten, die meine Klienten haben, zur Verfügung zu stehen, wenn es für sie schwierig wurde. Meine Klienten sind Mitarbeiter internationaler Unternehmen und kommen aus der ganzen Welt. Auf meiner Website www.ExpatLinQ.com geben meine Partnerin und ich nur eher „technische“ Tipps. Die wirkliche Arbeit für uns fängt immer dann an, wenn es um persönliche und individuelle Fragen oder Probleme unserer Familien geht. Hier versuchen wir dann gemeinsam mit unseren Familien Wege und Lösungen zu finden.

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§ 5 Antworten auf Wann ist ein Training erfolgreich? II/IV

  • K. Wenzel sagt:

    Ja, ich habe zwar „nur“ lange in Frankreich gelebt, aber eine Auseinandersetzung mit den WARUM-Fragen hätten mir vor und am Anfang meiner Zeit sehr viel Stress und Probleme ersparen können. Doch gab es Vorbereitungen dieser Art Anfang der 80-er Jahre wohl kaum. Niemals hätte ich vermutet, dass es so große Unterschiede gibt und habe dies auch während meiner Zeit dort verdrängt. Oft kam ich mir vor, wie der berühmte Elephant im Porzellanladen und schob die Schwierigkeiten auf meine ureigenste Persönlichkeit…das konnte ja einfach nicht sein, Frankreich und Deutschland, Nachbarländer, Europa, enge Verbindung, nein kulturelle Unterschiede waren für mich ausgeschlossen. Die sind zwar ein bisschen anders, aber… Erst im Nachhinein, nachdem ich nach Deutschland zurückgekommen und mich aktiv an das Thema der kulturellen Unterschiede herangetastet habe, wurde mir so maches(!) klar. Es war eben (und glücklicherweise) nicht nur die Persönlichkeit und wäre mir so manches bewusst gewesen…

    • Regine sagt:

      Ist es nicht interessant, dass wir zuerst uns, unsere Person, in Frage stellen bevor wir zu der Erkenntniss kommen, dass es durchaus auch andere Gruende fuer „Misskommunikation“ und daraus entstehende Missverstaendnisse kommen kann?

      … Gerade heute (ich bin derzeit in Indien) ist mir wieder bewusst geworden, wie unterschiedlich man an das Thema Kultur herantreten kann. Erwarte ich etwas Neues, dann oeffnen sich alle Kanaele der Wahrnehmung – erwarte ich etwas „Gleiches“ oder „Aehnliches“ reduziert sich die Wahrnehmung auf das Wesentliche und ist mehr eine Routine. Ich filtere Informationen nach meinem bekannten Muster und merke nicht, dass dies … in die Hose geht.

      Freue mich, dass Du wenigstens nach Deiner Zeit in Frankreich das Thema Kultur und Kulturunterschiede nochmal aufgegriffen hast und dadurch eine neuen Perspektive gewonnen hast. Ich haette Dir allerdings gewuenscht, dass Dir diese Moeglichkeit VOR Deiner Entsendung gegeben worden waere. Du haettest vermutlich Deine Zeit in Frankreich viel mehr geniessen koennen. Mir hat die Zeit in den USA geholfen, das nachzuholen.
      Regine

      • Hallo Regine, Hallo K. Wenzel,

        vielen Dank für Ihre Kommentare. Spannende Erfahrungen.

        Gerne möchte ich auch folgende Interpretation anbieten: Wir stoßen auf Anderes/ Neues und urteilen erst einmal, dass die anderen es falsch machen oder so wie sie es machen auf keinen Fall zum Ziel kommen oder ineffizient sind oder nur qualitativ Minderwertiges hinbekommen können oder oder oder. Als Reaktion wird dann auf Biegen und Brechen versucht, die anderen anders zu machen – oder zu akzeptieren, dass sie nunmal keine Ahnung haben.

        Erst wenn uns langsam dämmert, dass das nicht klappen wird und wir anfangen uns selbst in Frage zu stellen, besteht die Möglichkeit sich neue Verhaltensweisen anzueigenen und auch das Wertvolle an dem Neuen zu erkennen. Diese Phase der Sich-selbst-in-Fragestellung bis zum Lernen neuer Verhaltensweisen – und diese als Gleichwertig anzuerkennen – würde ich übrigens als die des Kulturschocks bezeichnen.

        Insofern ist man mit dem Sich-selbst-in-Frage-stellen schon einen Schritt weiter und auf dem besten Weg sich erweiterte Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Nur durch die Infragestellung der eigenen Identität kann die Erweiterung der Identität geschehen.

        Was meinen Sie zu dieser Interpretation?

        Viele Grüße

        Steffen Henkel

  • […] This post was mentioned on Twitter by culturecommunication and Irka Fuerle, Steffen Henkel. Steffen Henkel said: Wann ist ein Training erfolgreich? II/IV: http://wp.me/pLuf3-6F […]

  • […] dass sich Europäer und Amerikaner doch nicht so ähnlich sich, hat auch die Deutsche Regine Albrecht gemacht. Sie hat ihren Mann vor 13 Jahren aufgrund einer Entsendung in die USA begleitet. Wie viele […]

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