Trainings zur Auslandsvorbereitung entsprechen nicht den Erwartungen

20. Oktober 2010 § 10 Kommentare

Erfüllung von ErwartungenDie im vorherigen Blogartikel gemachten Aussagen möchte ich nun für den Bereich der interkulturellen Weiterbildung präzisieren.

Die dort aufgestellte These widerspricht fundamental der heutigen Herangehensweise in der interkulturellen Weiterbildung. Ich gehe davon aus, dass es bei anderen Weiterbildungsthemen ähnlich aussieht.

Inwiefern? Ein Beispiel:

Eine Mitarbeiterin eines Unternehmens soll gemeinsam mit Ihrer Familie für einige Jahre in eine Niederlassung im Ausland entsandt werden. Eine ganze Reihe von Dingen müssen vor der Entsendung erledigt werden: Arbeitsgenehmigung und Aufenthaltserlaubnis müssen eingeholt, der Umzug muss organisiert und ein entsprechender Vertrag muss mit der Entsandten ausgearbeitet und unterschrieben werden – um nur einige Beispiele zu nennen.

Um der unterschiedlichen Kultur und den sich daraus ergebenden Problemen Rechnung zu tragen, bekommt die Mitarbeiterin und ihre Familie eine eintägige interkulturelle Auslandsvorbereitung.

Dieses Training findet ca. drei Wochen vor Entsendebeginn statt. Weitere durch das Unternehmen beauftragte Begleitung was dieses Thema angeht, findet nicht statt.

Soweit die in den letzten Jahren von mir beobachtete Realität.

Welche Annahmen liegen dieser Herangehensweise zugrunde? Zumindest wurde erkannt, dass die Interkulturalität der neuen Arbeitssituation zu Schwierigkeiten führen kann. Um diesen zu begegnen, wird eine Maßnahme durchgeführt. Diese Maßnahme soll dabei helfen, beispielsweise besser mit dem Menschen am Zielort zu kommunizieren oder Projekte pünktlich und im Rahmen des Budgets durchzuführen.

Es soll außerdem vor Frusterlebnissen bewahren und den Kulturschock minimalisieren, so dass die Entsandte und ihre Familie sich wohlfühlen und nicht vorzeitig den Auslandsaufenthalt abbricht. [Dies sind die Inhalte von Zielformulierungen bei interkultureller Trainingsangeboten.]

Es besteht offensichtlich die Annahme, dass mit einem Training diesen und anderen Herausforderungen begegnet werden kann. Darauf baut der Dienstleistungssektor um das Thema Weiterbildung auf.

Die im vorherigen Artikel gemachte Aussage lautet nun, dass alle diese Trainings nicht sinnvoll sind. Trainings sind kein Mittel um die Bewältigung der oben genannten Herausforderungen zu erleichtern. Trainings schaffen es nicht, bei Menschen soweit Veränderung zu initiieren, dass sie sich bei ihrer Arbeit und ihrem Leben im Ausland leichter tun.

Die Veränderung passiert erst durch die Entsendung an sich. Die vorherige „Belehrung“ durch das Training hat keinen Einfluss darauf, inwieweit ein Entsandter den Herausforderungen besser oder schlechter gewachsen ist.

Daraus folgt für mich, dass interkulturelle Trainings so wie sie üblicherweise gesehen werden, nicht sinnvoll sind. Sinnvoll sind vorbereitenden Informationsveranstaltungen, damit grundlegendes Wissen über das Leben im neuen Land den Entsandten bekannt wird. Sinnvoll sind auch Maßnahmen, die dabei helfen, den augenblicklichen Stress den man mit der Entsendungsvorbereitung hat, zu erleichtern bzw. damit besser umzugehen. Nicht sinnvoll sind hingegen Inhalte die darauf abzielen, die Veränderungen „vorwegzunehmen“.

Wir wissen, dass die Veränderung durch den Auslandsaufenthalt geschieht und anstrengend oder sogar schmerzhaft sein kann. Diese Veränderung besser durchzustehen oder schneller zu bewältigen, kann durch geeignete Maßnahmen unterstützt werden.

Nun kann man sagen: „Wussten wir ja bereits. Ist nichts Neues.“ Das glaube ich gerne. Dann frage ich mich, warum aber auf diese bereits bekannten Tatsachen nicht reagiert wird? Warum kaufen Personalabteilungen immer noch Vorbereitungstrainings ein und betrachten diese als ultima ratio zur interkulturellen Unterstützung ihrer Kolleginnen und Kollegen? Warum gibt es so viele Trainerinnen und Trainer, die mit der Durchführung von Trainings zufrieden sind?

Es besteht hier ein ganzer Dienstleistungssektor, der nicht das tut, was von ihm erwartet wird.

Bitte nicht falsch verstehen: Trainings tun etwas. Aber sie tun nicht das was die Auftraggeber denken, dass sie tun.

Ich sehe zwei Möglichkeiten: Die Weiterbildungsanbieter kommen mit etwas Neuem, dass dem Bedarf der Personaler wirklich entspricht – und zwar sowohl was den Inhalt als auch die Form (es muss „kaufbar“ sein) angeht. Oder wir schenken den Personalern reinen Wein ein und formulieren als Ziele eines Trainings nur noch das was es wirklich zu leisten vermag. Wenn uns dies gelingt, ist der Wunsch nach etwas Neuem (siehe Möglichkeit eins) wahrscheinlich die sich daraus ergebene Folge.

Haben Sie Gedanken dazu? Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Mit besten Grüßen

Steffen Henkel

Advertisements

Tagged:, , , , , , , ,

§ 10 Antworten auf Trainings zur Auslandsvorbereitung entsprechen nicht den Erwartungen

  • Leo Salazar sagt:

    In these days of instant information available on the internet, the usefulness of spending valuable time in a training receiving specific knowledge regarding living and working in a particular country has diminished considerably. Online forums, websites, blogs and other online media are far more current and accurate than anything you could receive in a static training environment.

    Far better would be to attempt to equip the expat-to-be with the general knowledge and skills in working in an intercultural environment. This enables them to be open for differences (which specific differences there are he/she will fill in themselves) and to leverage these differences for greater value. Not only is this skill valuable in the expat’s assignment, it is also valuable once they return to the home office.

    • Thank you for your comment. I totally agree. The opportunities we have through of e-learning methods, can cause a fundamental shift in the way we deliver our training. So far I have the feeling we are still at the very beginning of realizing this.

      Cross-cultural competency is a mixture of specific knowledge about the way people act and behave in another cultures and a general attitude and the way we see the world. The first part is acquired quite easily – and the internet and books are filled with relevant information.

      It is the second part where we should set our focus on. The challenge is, that our customers have their focus on the specific knowledge, sometimes not realizing the importance of the general knowledge and skills we need to work in an intercultural environment.

  • Irka Fürle sagt:

    Lieber Herr Henkel,
    Sie sprechen mir aus dem Herzen!
    Leider sieht die übliche Kundenanfrage nach wie vor so aus, dass ein ein bis zweitägiges Vorbereitungstraining angefordert wird. Fortschritte lassen sich insoweit beobachten, dass in den letzten Jahren zumindest auch die mitausreisende Partner bzw. die Familie mit in die Vorbereitung eingebunden werden, die bei einer Auslandsentsendung eine mindestens ebenso große, wenn nicht größere Anpassungsleistung wie der entsendete Mitarbeiter tragen müssen. Bei jedem Kunden bieten wir stets ein auf die Bedürfnisse und Vorkenntnisse der Expatriates zugeschnittenes modulares Gesamtkonzept an, das alle Phasen einer Auslandsentsendung berücksichtigt. Gerade weil – wie Sie in Ihrem Beitrag beschreiben – Veränderung durch den Auslandsaufenthalt geschieht, ist ein wichtiger Aspekt aus unserer Sicht, den Mitarbeiter während der Zeit der Entsendung professionell zu begleiten. Bisher stoßen wir damit auf wenig Gegenliebe.

    Wir führen dies darauf zurück, dass häufig der Einfachheit halber auf vermeintlich Bewährtes zurückgegriffen wird. Vorbereitungstrainings gehören zum Standard. Ihr Erfolg oder Mißerfolg ist vermeintlich nicht konkret messbar. Neue, ganzheitliche Ansätze sind entweder nicht bekannt oder werden aufgrund der damit verbundenen Kosten nicht in Betracht gezogen.
    Ich denke, es braucht Zeit für einen Paradigmenwechsel.
    Was meinen Sie?

    Mit besten Grüßen
    Irka Fürle

    • Liebe Frau Fürle,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie bestätigen damit auch meine Erfahrungen in meiner mittlerweile knapp 10jährigen Tätigkeit als Trainingsanbieter.

      Ich denke, wir haben zwei Aufgaben:
      Erstens müssen wir deutlich machen, wie wenig die bisherige Herangehensweise an das Thema tatsächlich den Expats und ihren Familien hilft. Vergleichsmaßstab ist dabei die Erwartung einerseits und das was möglich wäre andererseits. Es ist für mich schlicht nicht einsichtig, warum weiterhin etwas gemacht wird von dem wir wissen, dass es nicht das bringt, was es bringen soll. Ich glaube, viele Trainerinnen und Trainer haben sich, da sie ja über diese Diskrepanz Bescheid wissen, mehr oder weniger damit abgefunden.

      Zweitens muss es uns gelingen, unsere Dienstleistung so zu ändern und anzubieten, dass sie durch unseren Kunden angenommen werden kann. Es gibt Gründe jenseits von Faulheit und Gleichgültigkeit die dazu führen, dass das ein- oder zweitägige Training immer noch das Mittel der Wahl ist. Diese herauszubekommen ist meiner Ansicht nach unabdingbar um auf sie reagieren zu können. Kosten spielt sicherlich eine Rolle, aber nicht alleine. Im Großen und Ganzen ist unsere Dienstleistung in einem bestimmten Segment nicht sonderlich preissensibel.

      Unsere Angebote müssen also einerseits preislich und andererseits in die Realität des Unternehmens und des Expats passen. Es gibt ja schon eine ganze Reihe von Angeboten die das Ziel, dem Expat und seiner Familie das Leben und Arbeiten im Ausland zu erleichtern, besser erreichen als dies reine Trainings tun. Nur ist es uns noch nicht gelungen, diese so zuzuschneidern, dass sie der Form nach von unseren Kunden angenommen werden können.

      Ich habe versucht, die Anforderungen ganz klar aufzuzeigen. Was meinen Sie dazu? Befinde ich mich auf dem Holzweg? Das wäre für mich sehr wichtig zu erfahren, da ich gerade Steine aus dem Weg räume, die noch auf dem Weg liegen um diese beiden Aufgaben zu erfüllen. Aber wenn man auf dem Holzweg ist, hat es wenig Sinn, Steine wegzuräumen. 🙂

      Ich freue mich auf Ihre Gedanken.

      Mit besten Grüßen

      Steffen Henkel

  • Leo Faltin sagt:

    Die positve Aussage für mich ist, dass interkulturelle Trainings das Bewusstsein für kulturelle Unterschiede wecken bzw. schärfen. Das ist ja schon immerhin etwas – wenn auch nicht das, was erwartet wird.

    Diese Wirkung entspricht also eher der eines Coachings (i.S. einer Mobilisierung der eigenen Ressourcen) als der eines Trainings (i.S. einer Vermittlung gebrauchsfertiger Inhalte). Wonach vermutet werden darf, (1) dass ein Coaching zum Thema interkulturelle Differenzen wahrscheinlich kostengünstiger wäre, und (2) dass eine Begleitung nach Art eines on-boarding-Coachings nach Bezug des neuen Arbeitsplatzes, evtl. sogar phasenweise gemeinsam mit Familienmitgliedern, wohl die allerwirksamste Methode wäre, eine rasche Integration zu erreichen.

    Und das stimmt mit meiner eigenen Erfahrung als Coach in on-boarding-Situationen überein: die Eingewöhnung in eine neue firmenkulturelle Umgebung ist ein ganz ähnlicher Vorgang und hier werden in wenigen Coaching-Sequenzen immer wieder hervorragende Erfolge erzielt.

    • Vielen Dank für diesen Kommentar. Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass ein Training das Bewusstsein für kulturelle Unterschiede schärft. Darüber hinaus vermittelt es natürlich Wissen und führt meiner Erfahrung nach zu einer deutlichen Entlastung bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern – die ein wie auch immer gearteten Stress mit ihrer internationalen Arbeit haben.

      Teilnehmer die auf eine Entsendung vorbereitet werden können Ängste abbauen und endlich einmal all die Fragen stellen für die sonst keine Zeit ist. Teilnehmer die bereits international arbeiten haben üblicherweise schon so viele, leider oft negativ bewerteten, Erfahrungen, dass durch das Training ebenfalls Druck abgebaut wird. Dieser Effekt ist meiner Ansicht nach der entscheidende Pluspunkt der für ein Training spricht. Übrigens sehe ich hier den entscheidenden Grund, warum nach einem Training oft nicht weiter an dem Thema gearbeitet wird.

      Insofern ist der Effekt tatsächlich ein ähnlicher wie im Coaching – wenn auch mit gänzlich anderen Mitteln erreicht. Wobei das Wort „Training“ ja auf alle Fälle nicht korrekt ist. Es wird nichts trainiert. Vielmehr wird über etwas gesprochen.

      Meine Überlegungen gehen ebenfalls in die von Ihnen eingeschlagene Richtung: Reduzierung der Vorbereitung auf einen kürzen Zeitraum (weg von dem Korsett, dass ein „Training“ immer mindestens einen Tag dauern muss.) und dann lieber mehr Zeit für das begleitende Transitioncoaching verwenden. Kostenmäßig ist man damit nicht höher als bei den herkömmlichen Methoden – bei einer deutlichen Qualitätssteigerung bzw. Erhöhung der Effektivität.

      Warum macht das nur keiner? 🙂

      Viele Grüße

      Steffen Henkel

  • Anne Niesen sagt:

    Ein Paradigmenwechsel heißt für mich: Themen enttabuisieren! (und das kann nur intern erfolgen durch Entscheidungsträger/innen)
    Wenn ich Expats am Ende ihrer Entsendung frage: Und was hätte ich anders argumentieren/anbieten können, um Sie von einem gemeinsamen Prozess zu überzeugen? habe ich schon mehrfach als Antwort bekommen: „Nichts. Ich war überzeugt. Ich habe mich nur nicht getraut, das intern zuzugeben aus Angst vor Gesichts- und Autoritätsverlust“.

    Was braucht es, damit Führungskräfte zugeben können, Beratungsbedarf zu haben? (wenn doch vermeintlich es viele vor ihnen unglaublich locker alleine geschafft haben.)

    VG, Anne Niesen

    • Vielen Dank, Anne.

      Die Frage „Was hätte ich ander arugmentieren/anbieten können…“ ist super. Ich möchte versuchen, sie in Zukunft auch regelmäßiger zu stellen.

      Und die Antwort auf die Frage „Was braucht es, damit Führungskräfte zugeben können, Beratungsbedarf zu haben?“ ist einer der hilfreichen Fragen, um dem Kern unserer Aufgabe, bzw. meiner Aufgabe als Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage, näher zu kommen.

      Viele Grüße

      Steffen

  • Anja Gnaedig sagt:

    Hallo Steffen,
    Deine Blogeinträge sind immer willkommen und ich lese Sie mit Freude – ich glaube wir kämpfen an der gleichen Stelle. Ich hoffe Du erlaubst es, dass ich Deine Webseite auf meiner referenziere 🙂
    Viele Gruesse,
    vielleicht sieht man sich mal wieder fuer einen Austausch.
    Anja

    • Hallo Anja,

      vielen Dank für die schöne Rückmeldung. Ich freue mich, wenn Du meine Seite bei Dir erwähnst. Auch sind Kommentare von Dir sehr willkommen.

      Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder einmal.

      Viele Grüße

      Steffen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Trainings zur Auslandsvorbereitung entsprechen nicht den Erwartungen auf Wirkung in der interkulturellen Weiterbildung.

Meta

%d Bloggern gefällt das: