Modell: Kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten

17. September 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

In interkulturellen Trainings werden Trainerinnen und Trainer oft damit konfrontiert, dass es zu den genannten Beispielen zur Verdeutlichung eines kulturellen Standards bzw. einer Kulturdimension Einwände gibt. Diese betonen entweder mit  Gegenbeispielen die Individualität der Menschen. Oder sie negieren die Unterschiede und stellen auf die Gemeinsamkeiten der Menschen ab.

Ein mögliches Modell um mit beiden Rückmeldungen umzugehen ist folgendes: Wir haben bestimmten Dinge…

Modell Individualität und Gemeinsamkeit

Modell Individualität und Gemeinsamkeit

(1) Das Modell veranschaulicht, dass es einige Dinge gibt, die wir mit allen Menschen teilen. Es sind dies die Dinge die uns menschlich machen z. B. das Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung und andere sogenannte fundamentale Lebenssysteme.

(2) Einige Dinge haben wir einigen Menschen gemeinsam. Dies ist die Ebene der kulturellen Prägung. Dabei ist hier nicht nur von Nationalkulturen, sondern auf von anderen kulturellen Ordnungssystemen die Rede. Es kann sich dementsprechend auch um Subkulturen wie Unternehmen, Abteilung, Familie, Freundeskreis, etc. handeln.

Wir sind hier auch in Linie mit der Kulturdefinition von Geert Hofstede der Kultur definiert als „die gemeinsame Programmierung des Geistes, die eine Gruppe von Menschen von einer anderen Gruppe von Menschen unterscheidet“ [Hofstede, Geert (2009): Lokales Denken, globales Handeln. DTV Deutscher Taschenbuch Verlag.].

(3) Und es gibt die Dinge die wir mit niemandem gemeinsam haben, die Dinge, die uns zu einer individuellen Einheit machen und zu einem unverwechselbaren Wesen.

Ich halte dieses Modell für sehr anschaulich. Es hat mir immer wieder geholfen, die in dem Training behandelten Themen einzugrenzen und deutlich zu machen, worum es geht: um Informationen der mittleren Ebene die helfen können, anderen empathischer zu begegnen. Weiterhin bleiben menschliche Bedürfnisse wichtig im Kontakt miteinander und ebenso haben wir es immer mit Individuen zu tun. Es bleibt also die Herausforderung im Kontakt mit anderen Menschen immer die ganze Person wahrzunehmen und sich nicht auf eine der Ebenen zu „verlassen“.

Warum bringe ich dieses Modell hier in diesem Blog?

Weil ich vor kurzem stärker mit dem Thema der neurologischen Gesichtspunkte des Lernens konfrontiert wurde und überaus interessante Einblicke gewinnen durfte. Die Reise ist sicherlich noch nicht zu Ende, hat mich aber zu der folgenden Überlegung veranlasst:

Unsere Handlungen so betrachtet auf bestimmte gut ausgebildete neuronale Verknüpfungen zurück zu führen. Je eingeübter eine Handlungsweise oder auch ein Gedanke ist, desto besser ist das dazugehörige neuronale Netze „ausgebaut“. Welches Netz sich bei wem bildet, ist nicht vorherzusehen. Daher unterscheiden sich Assoziationen die wir zu einem bestimmten Geschehen haben teilweise sehr stark von Mensch zu Mensch. Ebenso können aber auch ähnliche Erfahrungen zu ganz ähnlichen Verknüpfungen und damit Assoziationen führen.

So bietet sich nun eine neurologische Erklärung für das Modell an:

(1) Auf der Ebene die wir mit allen gemeinsam haben befinden sich Dinge, die sich auf gemeinsame menschliche Erfahrungen gründen. Es haben sich gleiche Neuronennetze herausgebildet. Diese gemeinsamen Erfahrnungen sind Dinge wie das Gefühl der Trauer, des Verlustes, das Bedürfnis nach Liebe, etc.

(2) Auf der Ebene die wir mit einigen Menschen teilen, haben wir es mit Neuronennetzen und -bahnen zu tun die sich bei einer Gruppe von Menschen ähnlich herausgebildet haben. Es sind dies Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, welche sich aus einem gleichen oder ähnlichen Lebensraum ergeben. Dabei musste mit ähnlichen Bedingungen und Widrigkeiten umgegangen werden.

Eine diese These unterstützende Studie, die tatsächlich im Denken manifesten kulturellen Unterschieden auf die Spur gekommen ist, findet sich vorgestellt in einem Bericht des Vancouver Magazines: „The Western/Eastern Mind Divide“

(3) Auf der Ebene der Individualität wiederum haben wir die neuronalen Netze, die sich durch die ganz persönlichen, nicht durch andere geteilten Erfahrungen, bzw. Erfahrungskombinationen, ergeben haben.

Hier haben wir übrigens auch einen Grund, warum Veränderung so schwierig ist: es müssen neue neuronale Verknüpfungen aufgebaut, gehalten und ausgebaut werden, damit sich eine neue Handlungsweise manifestieren kann. Grundsätzlich beginnt das Gehirn innerhalb von etwa 24 Stunden eine einmalig angelegte neuronale Verknüpfung wieder aufzulösen, wenn sie nicht genutzt wird. Es gilt also diese Verknüpfung immer und immer wieder zu nutzen. Nur dann kann sie erhalten bleiben. So, und nur so, können wir Verhalten ändern.

Das Modell zeigt dies sehr schön. Außerdem zeigt es den Skeptikern beim Thema kultureller Unterschiede, dass wir hier nicht von einer nebulösen Annahme sprechen, sondern sich in unseren Gehirnen manifestierten Fakten.

Nun interessiert mich Ihre Meinung zu diesem Erklärungsmodell. Ist es schlüssig und als Modell anwendbar oder zu kurz gegriffen? Was meinen Sie?

Ich freue mich auf Ihre Kommentare und verbleibe

mit besten Grüßen

Steffen Henkel

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Methodenschau: Rollenspiele

13. September 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Wieder einmal war es der Blog von Clive Sheperd, auf dem ich über einen interessanten Artikel gestoßen bin: Er stellt die Frage, warum eigentlich niemand Rollenspiele leiden kann.

Um ein Training wirklich Training nennen zu können, muss auch etwas trainiert werden. Rollenspiele sind eine der wenigen Methoden, bei der ein Training tatsächlich stattfinden kann. Man kann ausprobieren, sehen wir man wirkt, noch einmal probieren und so durch Übung zu neuen Verhaltensweisen kommen.

Tatsächlich werden Rollenspielen jedoch selten so angewendet. Sie erfüllen eher andere Funktionen, beispielsweise um Defizite aufzuzeigen.

Hier liegt auch die Ursache für die Ablehnung von Rollenspiele. Sie erzeugen das, was viele Menschen am meisten fürchten: Es besteht die Gefahr, sich vor Kolleginnen und Kollegen bloßzustellen.

Über dieses Thema habe ich mich mit zwei Experten unterhalten. Stefan Renz ist Coach und Trainer. Er, genauso wie sein Kollege Mimmo Hager, setzt Rollenspiele mit großem Erfolg in seinen Trainings ein.

Ich begann mit einer kurzen Darstellung der oben genannten Probleme von Rollenspielen und fragte dann, wie sie damit umgehen.

Ergebnis: Im Kern geht es nach Meinung der beiden Experten darum, die richtige Atmosphäre zu schaffen. Dies gelingt beispielsweise durch eine offene Vorgehensweise, in welcher die Teilnehmer ihre Rolle zu weiten Teilen mitbestimmen. Wenn dies gelingt, sind angstfreie Rollenspiele möglich – und dann eine sehr lohnende Methode.

Anschließend fragte ich, wann Stefan Renz und Mimmo Hager Rollenspielen üblicherweise in ihren Trainings einsetzen. Interessiert hat mich dies, da der Zeitpunkt oft eine Aussage über die Funktion macht. Rollenspiele am Anfang haben oft etwas von Aufzeigen von Defiziten, am Ende haben sie oft die Funktion von „Lernzielkontrolle“.



Ergebnis: Beide setzen Rollenspiele immer als Abschluss einer Einheit ein. Es ist sozusagen das „Zuckerl“ mit welchem man das Gelernte ausprobiert werden kann. Es stellt damit den Übergang zwischen Theorie und Praxis dar.

Für mich stellt sich die Frage, ob man den Trainingseffekt noch mehr betonen kann. Dies könnte geschehen durch Methoden des Forumtheaters und Selbstcoachingeinheiten wie dies beispielsweise coach-your-self.tv bietet.

Was sind Ihre Gedanken dazu? Ich bin gespannt von Ihnen zu lesen und freue mich über Kommentare.

Mit besten Grüßen

Steffen Henkel

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